Burnout? – Nicht schon wieder!

Die Sorge um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter stand bei verantwortungsbewussten Führungskräften schon immer auf der Tagesordnung. Inzwischen ist sie im Ranking der wichtigen Führungsthemen ziemlich weit oben angekommen. Wie kommt‘s  und – was ist zu tun?

Die Süddeutsche Zeitung, die ich mir allmorgendlich zum Frühstück gönne, hat seit einiger Zeit ein neues Anti-Thema: Den Burnout, doller noch, die ‚Burn-out-Hysterie‘ (SZ vom 22./23.10.2011). Grob zusammengefasst heißt es da, Burnout sei eine Erfindung der Springerpresse und der Hochglanzmagazine, die in ihm einen unerschöpflichen Auflagenbringer entdeckt hätten. Im Übrigen habe es die diversen Erkrankungen, für die der Begriff herhalten müsse, immer schon gegeben. Und ein Zusammenhang zwischen Burnout und sich verschärfenden Arbeitsbedingungen sei schlicht eine Erfindung der Krankenkassen.

Also alles halb so schlimm?

Es mag ja sein, dass wir uns heute eher trauen als noch vor einigen Jahren, die psychische Ursache eines Krankheitssymptoms auch als solche zu bezeichnen. Zumal wenn uns ein Business-verträgliches Etikett wie ‚Burnout‘ dafür zur Verfügung steht. Und natürlich hat es auch früher schon schlechte Chefs und gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen gegeben.

Aber was nützt einem ausgebrannten Mitarbeiter diese Wortklauberei?

Privat kenne ich eine ganze Reihe ‚echter‘ Burnout Fälle, mit denen ich um nichts in der Welt tauschen möchte! Und in meiner Arbeit begegnen mir immer mehr Menschen, die davon berichten, wie schwer es ihnen fällt, dem stetig steigenden Druck im Job noch standzuhalten. Vielleicht geht es ja in Zeitungsredaktionen so hektisch zu wie eh und je. Dass die Anforderungen in manch anderen Berufszweigen derweil dramatisch gestiegen sind, müssen die SZ Redakteure dabei übersehen haben.

Nun ist es nichts Neues, dass Menschen sehr unterschiedlich auf ein und dieselbe dauerhafte Belastung reagieren. Manche gehen schnell in die Knie, andere kann buchstäblich nichts erschüttern. Es ist seine persönliche Prädisposition, die einen Mitarbeiter unter seiner Arbeit leiden lässt. Deshalb aber den Arbeitsbedingungen jede Ursächlichkeit für das Leiden einzelner Betroffener abzusprechen, hielte ich schlicht für zynisch. Das wäre so, als wollte man einem Soldaten, der traumatisiert aus Afghanistan heimkehrt, weismachen, sein Trauma hätte mit dem Einsatz dort nicht das geringste zu tun.

Was der gefährdete oder gar schon erkrankte Mitarbeiter braucht, ist Vorsorge, Verständnis und Hilfe. Im Unternehmen sind wir als Führungskräfte dafür zuständig. Wir werden zwar nicht die Uhren zurück drehen, das Arbeitspensum herunterschrauben, oder gar den einzelnen in Watte packen können. Trotzdem: Es gehört zu unseren Aufgaben, dafür zu sorgen, dass die Gesundheit unserer Mitarbeiter nicht durch ihre Arbeit Schaden nimmt, bzw. dass ihnen die nötige Hilfe zuteil wird, wenn es denn doch schon geschehen ist.

Woran es dazu nach meiner Beobachtung häufig fehlt, ist Aufmerksamkeit und Sensibilität seitens der Führungskräfte. Sie merken nicht, dass es einem Mitarbeiter schlecht geht, und wenn, dann oft viel zu spät. Und nicht selten werden die Anzeichen zunächst als Motivationsmangel und später als Drückebergerei fehlgedeutet. ‚Mangelnde persönliche Arbeitsorganisation‘ ist eine immer wieder zu hörende Diagnose, mit der uns Teilnehmer ins Seminar geschickt werden (speziell zu Themen wie ‚Zeit-‚ oder ‚Selbstmanagement‘). In der Hoffnung, geeignete Tipps & Tricks würden die Mitarbeiter wieder fit machen für die hohen Anforderungen des Arbeitsalltags.

Wer vom Burnout bedroht ist, dem hilft auch keine noch so ausgefeilte To-do-Liste, kein noch so differenziertes Prioritätensystem. Was er vielmehr braucht ist jemand im Unternehmen, mit dem er – ohne Angst! – offen über seinen Zustand sprechen kann. Der direkte Vorgesetzte sollte neben wohlwollenden Kollegen der erste sein, der sich ihm dazu anbietet. Dazu brauchte es ein gewisses Maß an ‚Normalität‘ im Umgang mit Themen der physischen und psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz.

Obwohl inzwischen auch die ökonomische Seite des Problems erkannt ist – die Rekonvaleszenz eines an Burnout erkrankten dauert Monate, wenn nicht Jahre – wird das Thema immer noch von vielen gar nicht oder wenigstens hinter vorgehaltener Hand erörtert, oder schlichtweg ignoriert. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass Führungskräfte nicht selten selber die ersten Betroffenen sind. Und was ich bei mir selbst nicht wahrhaben will, werde ich bei anderen erst recht nicht wahrnehmen wollen. Ihre Führungskräfte zu sensibilisieren, sie darin zu schulen, individuelle Anzeichen von Überlastung bei sich und anderen wahr und ernst zu nehmen, und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, ist eine Aufgabe, der sich die Unternehmen stellen müssen.

Bleibt nur zu hoffen, dass Spiegel, Stern, Focus & Co. nicht nachlassen werden, das Thema Burnout – immer wieder – auf ihre Titelseiten zu heben.

Herzlichen Dank für Ihr Interesse!

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