„Authentizität ist unprofessionell“

Wie bitte?

Normalerweise schenke ich mir den „Beruf und Karriere“-Teil meiner Zeitung. An der Überschrift „Authentizität ist unprofessionell“ (Süddeutsche Zeitung vom 25.6.2011) bin ich allerdings doch hängen geblieben. Das so betitelte Interview mit dem Berliner Organisationsberater Jürgen Kugele war sehr verkürzt (wie eben meistens auf diesen Seiten). Eine seiner Folgerungen zum Beispiel lautete: ,Wer erfolgreich sein will, muss seine berufliche Rolle von der Privatperson trennen‘. Wieso eigentlich? Und was hat das mit Authentizität zu tun? Auch zwei mal lesen hat mir nicht geholfen, seine Argumentation zu verstehen. Aber es hat mich zum Nachdenken angeregt. Vielen Dank dafür!

Nun ist der Juli darüber hinweg gegangen, kühle, verregnete Ferientage hier im Norden (Keller und Dachboden sind picobello aufgeräumt). Und ehe die spärlichen Reste des Sommer vollends dem unvermeidlichen Herbst weichen, möchte ich ein paar meiner Gedanken festhalten. Denn Authentizität im beruflichen Kontext ist ein Thema, das mich beschäftigt, seit ich mich für Führung und Zusammenarbeit interessiere.

,Authentisch‘ sein heißt für mich: Sich so verhalten – zumal im direkten Kontakt mit anderen – wie es zu einem passt, wie man denkt und fühlt; so, wie man gestrickt ist. Dieses ,authentische Ich‘ umfasst die unterschiedlichsten Facetten einer Persönlichkeit: Der Spieß, der seine Rekruten vormittags auf dem Exerzierplatz erbarmungslos schleift und abends zu Hause geduldig mit seinem Töchterchen Puppen spielt, verhält sich ,authentisch‘, so lange er das eine wie das andere als ,richtig‘ empfindet. Selbst derjenige, zu dessen Wesensmerkmalen es gehört, sein Fähnchen in den Wind zu hängen, handelt ,authentisch‘, wenn er sich äußeren Erwartungen gemäß mal so und mal so verhält.

Gewöhnlich spricht man von ,Authentizität‘, wenn das wahrnehmbare Verhalten eines Menschen mit der Summe seiner Eigenschaften, Überzeugungen und Werte übereinstimmt. Warum sollte uns ein solches Verhalten daran hindern, im Beruf erfolgreich zu sein? Was ist daran ,unprofessionell‘?

Es stimmt ja: Bisher konnte man den Eindruck haben, dass es in der Arbeitswelt diejenigen am ehesten zu etwas bringen, die ihre Ellenbogen zu gebrauchen wissen. Die es mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen und die vor allem gut darin sind, sich in Szene zu setzen und anderen etwas vorzumachen. Und besonders zwischen Führungskräften und ihren Mitarbeitern ist das Katz und Maus spielen ja weit verbreitet. Möglichst rollen-konformes Verhalten gilt hier als vernünftig, also ,professionell‘. Alles andere ist Kinderkram und bei Erwachsenen eher therapiebedürftig.

Wo es um Hauen und Stechen geht, darum, wer den anderen zuerst aufs Kreuz legt, mag das eine bedenkenswerte Strategie sein. Hier wäre Vertrauen waghalsig und Ehrlichkeit schlicht dumm. Wer seine Persönlichkeit sichtbar werden lässt, macht sich angreifbar. Wer gar Fehler und Schwächen offen zeigt, dem ist nicht zu helfen.

Aber sind wir nicht längst auf einem anderen Weg? Die Komplexität, mit der wir inzwischen in allen Lebensbereichen zu rechnen haben, zwingt uns dazu, aus purer ökonomischer Vernunft, möglich zu machen, was wir bisher verbissen bekämpft haben: ECHTE KOMMUNIKATION. Weil unsere einzige Chance, die Vielfalt der möglichen Lösungen auszuloten, darin liegt, unser Wissen und unsere Phantasien, unsere Erfahrungen und unsere Fragen miteinander zu teilen. Und weil wir endlich lernen müssen, rechtzeitig und in aller Offenheit über Fehler und Schwächen zu sprechen. wenn wir verhindern wollen, dass uns die Welt um die Ohren fliegt.

Und schließlich gilt nach wie vor Ruth Cohns goldene Regel der Authentizität: „Nicht alles, was echt ist, will ich sagen, doch was ich sage, soll echt sein.“

Herzlichen Dank für Ihr Interesse!

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