Wo mir der Kopf steht …

Dies ist ein Gastbeitrag von KUNO KRUSE. Kruse ist Reporter beim Stern, war Mitbegründer der TAZ, Redakteur des Spiegel und der Zeit. Und einer der ersten Teilnehmer meines Seminars „Boden unter den Füßen“. 

„Es sind vor allem die Entscheidungen, die ich nicht treffe, die mich belasten. Die, vor denen ich fliehe, in die Arbeit, in die ich mich so gut versenken kann, oder in einen Kinobesuch, der mich in eine andere Weit versetzt, ins Internet, in dem ich mich so leicht verliere. Danach aber steht sie wieder vor mir, die Frage nach dem Ja oder Nein, dem Für und Wider.

Wie soll ich mich zu etwas entschließen, wenn ich doch nicht weiß, was die Entscheidung bringt? Wenn ich die Konsequenzen nicht übersehe? Das gilt bei vielen kleinen Entscheidungen, wie für die großen Schritte unseres Lebens.

Was Entscheidungen über die persönliche Zukunft so schwer macht, ist, dass ich die Hilfe dazu leider nicht aus der Zukunft beziehen kann. Nur aus der Gegenwart.

Die Erfahrungen der Vergangenheit könnten dabei eine Stütze sein. Aber welche Erfahrungen? Sind diese denn wirklich zu dem geronnen, was man Bauchgefühl nennt? Könnte ich mich sicher darauf verlassen? Aber bin ich nicht viel zu hin- und hergerissen, um deutlich genug zu spüren, was wirklich mein Gefühl ist?

Jetzt in diesem Moment, in dem ich diese paar Zeilen eines Textes tippe, der gerade erst beginnt, da dauert mir das Schreiben schon wieder viel zu lange. Denn ich habe jetzt, gerade in diesem Moment wirklich nicht die Zeit, über die Qual von Entscheidung zu räsonieren, vielleicht auch noch Lebensentscheidungen.

Andererseits, sollte ich mir nicht gerade deshalb die Zeit, die ich nicht habe, wieder einmal nehmen?

Ich kenne diesen verdammten Zeitdruck, der sich gerade wieder einstellt, nur zu gut Er ist mein Dämon. Ich habe immer so viel auf meiner Liste. Oft nur, weil ich sie nicht sortiere. Manchmal weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Und oft lähmt mich die Frage der Reihenfolge des Beginnens so sehr, dass ich gar nicht beginne.

Manchmal, viel zu selten, gelingt es mir, mich an dieses Seminarwochenende zu erinnern, das ich mit Nachdenken verbracht habe – über mich allein und mich in der Mitte der Meinen. Dann sehe ich in die Notizen, die ich damals gemacht habe, über das, was mir wichtig war, über meine Pläne.

Denn damals habe ich mir ganz genau gemerkt, wie es in dem alten Degenhardt-Lied heißt, wo der Polarstern steht. Das heißt, mein Polarstern!

Dann erinnere ich mich an mich und meine Freude an der Entdeckung, die ich damals machte. Und daran, dass ich eigentlich gar nichts Neues erfahren musste, weil längst alles in mir war. Ich sah mich selbst, nicht im Spiegel aber im Spiegel der anderen. Vor allem aber betrachtete ich mich selbst von innen. Kein Erforschen, kein Ergründen, ich musste einfach nur alles herausfallen lassen.

Ich brauchte nichts zu tun, als diesen mir angebotenen Moment der Ruhe einfach anzunehmen, ihn nutzen um meine Niederlagen zu akzeptieren, die ich mit mir herumschleppte, um mich an meine Triumphe zu erinnern, die so verblasst schienen, mich aber doch begleiteten und mir Mut machten. Ich war selbst überrascht, wie viele es waren. Und ich erlebte, welchen Rückhalt ich im Leben besaß, schon allein bei mir selbst

Dazu brauchte es nicht viel: Bleistift und Papier, was mir sehr entgegen kam. Ein paar Fragen, Anregungen. Und wirklich nur ein bisschen Zeit für meine Gedanken, und die Empfindungen, die sie auslösten.

Ehrlich gesagt: Ein Seminar? In meiner Zunft stellen sich viele unter Seminaren eher eine Art Nachhilfeunterricht vor, bei dem sich Leute aus den kaufmännischen Abteilungen ein paar Lektionen erteilen lassen, wie sie irgendetwas verkaufen, oder wie sie, wie es so schön heißt, »Menschen führen“, als spazierten sie dann mit denen an der Leine. Tatsächlich bin ich auch nur in dieses Seminarwochenende gegangen, weil ich Christoph Schlegel vorher als wunderbar klugen und ruhigen Zuhörer erlebt hatte, und ich das Motto „Boden unter den Füßen“ zumindest interessant fand. Denn wer braucht den nicht? Also zog mich nicht der Wunsch nach irgendetwas dorthin, sondern die Neugierde. So war ich gleich zu Beginn etwas amüsiert darüber, dass wir, kaum hatten wir „Guten Tag“ gesagt, schweigen sollten. War das nicht unhöflich? Kein Small-Talk, nichts? Und nicht auch ein bisschen esoterisch? Noch am selben Abend habe ich es dann genossen, mit meinen Beobachtungen und Gedanken in Ruhe gelassen zu sein. Und ich war verwundert, dass ich, noch nie ein Frühaufsteher, am nächsten Morgen freiwillig zur Gymnastik erschienen bin. Ich bin kein Anhänger sinnloser Bewegung, belege auch Joggen und Squash-Spielen gern mit dem etwas aus dem Gebrauch geratenen Wort „töricht“.

An diesem Wochenende aber machte die Bewegung für mich einen Sinn. Den, sich auf etwas einzulassen. Das konnte ich, und es wurde belohnt. Doch vorher gab es viel Arbeit, die mir aber leicht von der Seele ging, Müdigkeit, die so schön durchlässig machte, Gedanken, die sich zu Bildern formten und in Farben erschienen. Geschichten, die damals aus jedem der Teilnehmer heraus auf das Papier vor ihm purzelten. Ich habe damals für mich wichtige und bis heute richtige Entscheidungen getroffen. Es war plötzlich so leicht.

Denn am Ende war es diese Klarheit, die mich in den wenigen Tagen so wachsen ließ und die Entdeckung, dass die Ursache für so viel Gelingen einfach nur ich war.“

Dieser Text ist zuerst erschienen als Vorwort zu unserem Buch „Auswahl und Steuerung nachhaltiger Weiterbildung im Unternehmen“ (J. Hampe, C. Schlegel), Wiesbaden 2014.