Über Sinn oder Unsinn von ‚Selbstoptimierung’

Erst kürzlich ist es mir wieder passiert. Auf meiner Facebook-Seite erschien die Aufforderung einer Sport-App, einen alten Freund beim Joggen (oder war es Radfahren?) virtuell anzufeuern. Meine spontane Reaktion war: Der spinnt. Das hat der doch nicht nötig. Dass der sich jetzt von Runtastic öffentlich den Puls messen lässt. Ist der denn jetzt auch unter die Selbstoptimierer gegangen?

Wir sind heute schnell dabei, Begriffe mit einer Bewertung ‚aufzuladen‘: Daumen rauf oder runter, ein Klick – und schon ist das Urteil gefällt. Dann ist es auch meistens ein für alle Mal ‚abgehakt‘. Denn wie schon den echten Juristen fällt es uns als Laien erst recht schwer, ein einmal gefälltes Urteil zu revidieren.

So what? könnte man meinen, das gehört nun mal dazu im Zeitalter der ‚Gefällt mir‘-Buttons, außerdem schult es das Urteilsvermögen und irgendwie demokratisch ist es ja schließlich auch. Und steht nicht immer noch in jedem zweiten Management-Ratgeber der Merksatz: ‚Eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung‘?

Das Ende vom Lied ist die mentale ‚Alternativlosigkeit’. Dabei hat doch bekanntlich jede Medaille mindestens zwei Seiten.

Was ist denn daran auszusetzen, dass mein Freund sich von einer App dabei unterstützen lässt, seinen Körper auf Vordermann zu bringen? Um warum denn nicht in der Öffentlichkeit seiner Facebook-Freunde. Wenn es ihm hilft? Oder wenn jemand auf dem Weg zur Arbeit die fünfte Fremdsprache büffelt, per MedicApp seinen Blutdruck 24/7 im Auge behält, oder dreimal die Woche den einbeinigen Kopfstand übt?

Selbstoptimierung, na und? Ist das denn alles unsinnig, nur weil ich mich einmal dafür entschieden habe, ‚Selbstoptimierung‘ dämlich zu finden? Weil ich dem Begriff einen „Blödsinn“-Stempel gegeben habe?

Was ist, wenn ich selber auf die Idee käme, dass mir mehr Beweglichkeit gut tun würde, oder dass ich verdammt viel Spass daran hätte, einen Kiswahili-Kurs zu besuchen? Wahrscheinlich käme ich gar nicht erst auf so eine Idee, oder würde sie auf der Stelle wieder verwerfen. Weil mein Urteil ja längst gefallen ist. Selbstoptimierer sind Blödmänner. Ich doch nicht. Eben.

P.S. Und wenn mir dann jemand über den Weg läuft, der vor lauter Kursen, Training, Seminaren kaum noch zum Durchatmen kommt, dann kann ich mich immer noch dazu entscheiden, das nicht gut zu finden. Vielleicht hat der das mit der Selbstoptimierung ja einfach nur falsch verstanden.

Herzlichen Dank für Ihr Interesse!